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Meine Ratten leben in einer großzügig angelegten "Wohnanlage" und haben
somit auch tagsüber Auslauf. Trotzdem darf die ganze Ratzelbande am
Abend mit ins Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa herumtollt. Dass in eben
diesem Zimmer der Fußboden tabu ist, lernen alle "Neuzugänge" bereits im
zarten Babyalter und alle Ratten halten sich daran.
Alle...? Alle, außer Bennie, dem Wanderrattenbock, denn für Wanderratten gelten eben andere Gesetze, etwa so, als würde man einen Hund und einen Wolf in der Wohnung halten. |
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Nun, so lange ich anwesend bin, hält sich Bennie
brav an unser stilles Übereinkommen - mit anwesend meine ich allerdings
nicht meine materielle Hülle, sondern den wachen Geist! Da es fast
täglich Mitternacht wird, bis die letzte Ratte "im Bett" ist, inklusive
meiner Wenigkeit, kommt es schon mal vor, daß mir von dem oft so
spannenden Fernsehprogramm für kurze Zeit die Augen zufallen. Das ist
dann der Moment, auf den Bennie gewartet hat.
Und immer dann, wenn mein "Nickerchen" beendet ist, mußte ich bereits des
öfteren feststellen, daß meine liebe Wanderratte den Sprung "in die
Freiheit" gewagt hat. Eine Farbratte einzufangen ist kinderleicht,
abgesehen davon, daß keine meiner Bunten auf die Idee kommen würde, so
ungehorsam zu sein und vom Sofa zu springen. Eine Wanderratte dagegen
ist nicht so liebenswert "dumm". Bennie läßt sich daher nur ungern dazu
bewegen, seinen "Sofaplatz" wieder einzunehmen. Bennies Kumpel Sonny,
mein weißer Farbrattenbock, beobachtet jedesmal voller Verwunderung
meine aufgeregte Suche um Mitternacht, wobei ich mit einer Taschenlampe
bewaffnet im Wohnzimmer umherrenne. Bei seinem letzten Ausflug fand er
als Versteck eine Stelle hinter dem Schrank, auf welchem sich das Aquarium
befindet, als äußerst passend, vor allem scheinbar deshalb, weil ich
nicht die geringste Chance habe, dorthin zu gelangen.
Bennie war bei dieser Gelegenheit auch der Meinung, daß die Kabel der beiden Lautsprecherboxen wohl ausgesprochen lang wären. Kurzerhand - oder vielmehr "Kurzerzahn" änderte er dies umgehend, das fiel mir allerdings erst dann auf, als ich mal wieder eine meiner Lieblingsplatten abspielen wollte. Nach einigem Zögern und vielen Lockrufen läßt sich mein Wanderrattenbock dann meist doch noch dazu bewegen, Sonny wieder Gesellschaft zu leisten. An einem dieser extrem heißen Tage im August hatte ich wie immer bis Mitternacht die Terrassentür weit offen. Wieder übermannte mich der Schlaf. Nachdem ich meine Augen wieder geöffnet hatte, verriet mir ein kurzer Blick zu Sonny Schreckliches.Er saß einsam und allein auf dem Sofa.Von Bennie weit und breit keine Spur. Ich starrte voller Entsetzen auf die weit geöffnete Terrassentür und weiter hinaus in den dunklen Garten. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und ich dachte mir, jetzt ist er endgültig weg und ich sehe ihn nie wieder. In Gedanken sah ich ihn die schrecklichsten Tode sterben. Nach meinem ersten Schock raffte ich mich auf, trat einen Schritt zur Tür hinaus und lauschte angestrengt in die stockfinstere Nacht hinein. Es war totenstill. Ich knipste das Gartenlicht an und griff zur Taschenlampe. Zaghaft leuchtete ich in den Garten und wußte sofort, daß die Chance, Bennie in dieser dunklen Nacht zu finden, wohl gleich Null wäre. Mehr unbeabsichtigt fiel der Strahl meiner Taschenlampe unter den Gartentisch. Ich konnte es nicht fassen, da saß Bennielein in aller Gemütlichkeit und schien darauf zu warten, was wohl passieren würde. In der linken Hand hatte ich einen langen Holzstab, mit dem ich unter den Büschen suchen wollte. Ich rief seinen Namen und berührte ihn vorsichtig mit dem Stab an seinem Hinterteil. Mir nichts, dir nichts lief Bennie in Richtung Terrassentür, erklomm die eine Stufe ins Haus, rannte quer durch das Wohnzimmer und schlug die Richtung zum Sofa ein. In rasantem Tempo schloß ich die Tür hinter ihm und eh' ich mich's versah, hopste Bennie mit einem Satz auf 's Sofa, als wäre nichts geschehen. Ich belohnte ihn natürlich sofort mit einem Stück Butterkeks (lieben übrigens alle meine Ratten sehr). Meine Müdigkeit, die Bennies Ausflug erst ermöglicht hatte, war wie weggeblasen. Ich war hellwach und heilfroh, daß meine Wanderratte wieder den Weg "nach Hause" gefunden hatte. An den nächsten heißen Tagen blieb die Terrassentür geschlossen und ich öffnete statt dessen nur alle Fenster, zumindest für die Zeit von Bennies Wohnzimmeraufenthalt! Erika Weiß-Geißler, Im August 1994 |